*ein paar alte tänzerregeln

Gewohnheitsmäßig tanzt man eine ganze Tanda mit der gleichen Person. Zwischen den einzelnen Tänzen macht man eine kleine Pause, die man dazu nutzt, sich mit dem Tanzpartner zu unterhalten. Diese Pause dient auch dazu, auf die Musik zu horchen, die als nächstes folgt und sich auf sie vorzubereiten und einzustellen.

Die Frau muss warten bis der Mann sie als erstes umarmt. Dieser Brauch stammt aus der gleichen Epoche wie der cabeceo. Es war der einzige Moment, in dem die Frau allein war (abgesehen von den Augenblicken, wenn sie aufs Bad gingen), ohne die Mutter oder die Person, die der Vater beauftragt hatte, aufzupassen, was meistens der größere Bruder war oder irgendein Onkel oder Cousin. Also nutzte man diese kurze Zeit zwischen den einzelnen Tangos, um zu flirten und Treffen außerhalb der Milonga zu vereinbaren. Heutzutage verlassen viele noch die Milonga getrennt und treffen sich an der Ecke oder in eine Café um in privaterer Atmosphäre reden zu können. Wenn man gerade am Tanzen ist und man sagt “Gracias”, so heisst das, dass diese Person nicht weitertanzten möchte. Es exisitiert der Brauch, dass am Ende der Tanda der Mann die Dame zu ihrem Tisch begleitet.
Die milonguera geht meist allein zur Milonga und teilt sich einen Tisch mit anderen milongueras oder Freundinnen. Kommt eine Frau in Begleitung eines Herren wird sie von niemanden in dieser Nacht aufgefordert werden, es sei denn ihre Tischbegleitung tanzt schon mit einer anderen Dame. Normalerweise werden Frauen, die sich in Begleitung von einem Mann am Tisch befinden, nicht aufgefordert.
Auf der anderen Seite gibt es noch einen sehr strikten Kodex: Niemand fordert jemanden auf, ohne zu wissen, ob er gut tanzt. Im allgemeinen tanzt aus zwei Gründen: Entweder, weil die Person gut tanzt oder weil man Interesse an einem eventuellen amorösen Abenteuer hat. Viele vermuten das nicht, aber es ist folgendermaßen: Wenn man nicht weiss, wie eine Dame tanzt, fordert man sie für die tandas mit tropischer Musik oder Jazz-Musik auf. Kurz darauf fordern sie die Dame zum Ende einer Tanda hin auf, und nur wenn sie sich gut verstanden haben / gut miteinander klar kamen, wird er später eine ganze Tanda mit ihr tanzen. Auch fragt man gewöhnlich einen Freund: ” Wie tanzt sie?” und, abhängig von der gegebenen Antwort, fordert er sie auf oder lässt es bleiben.

Der Lehrer Francisco Comas erklärt in seinem Buch “Die Kunst des Tanzens”: Nicht kann so unerfreulich für einen Herrn sein wie eine Dame, die sich nicht vollkommen führen lässt. Ohne Zweifel, da sie sich nicht über die Schwehre dieses Falles im klaren sind, sind es oft die Damen, die sich nicht führen lassen, sondern nur teilweise, und noch immer gibt es einige, die sich nicht nur nicht führen lassen sondern die versuchen ihren Tanzpartner zu führen, sei es aufgrund einer schlechten Angewohnheit, die sie angenommen haben während die Damen untereinander tanzten oder nur aufgrund eines Beherrschungs-Gelüstes. Es gibt nichts absurderes. Auch wenn wir in einer Epoche angekommen sind, in der die Frau schon relativ vermännlicht ist, indem sie bestimmte Sportarten ausübt und Aufgaben übernimmt, die früher ausschließlich in die männliche Domäne gehörten, müssen wir uns doch einig sein, dass es einen großer Unterschied gibt zwischen einen mehr oder weniger männlichen Sport auszuüben, und dem Wunsch, den Herrn zu dominieren.”
Diese Worte, die für ihre Epoche sehr typisch waren, sind im Bezug auf den Tanz heutzutage alles andere als aus der Mode gekommen.
Es gibt Milongas, wo das Publikum jünger ist, wie La Viruta oder Parakultural, wo viele dieser Kodize verloren gegangen sind. Zum Beispiel gibt es dort keine tandas und cortinas. Aber in der großen Mehrheit der Milongas wie unter anderem im El Beso, Gricel, La Galeria del Tango, Salón La Argentina, Salón Canning, sind diese Kodize und Gebräuche erhalten geblieben, auch noch trotz der Anwesenheit von jüngeren Milongueros. Der Brauch ist nicht mehr eine Frage des Alters sondern des Ortes, an dem man sich befindet.
Um in der Milonga gut zu tanzen, muss man die Verbindungen üben zwischen den einzelnen Schritten. Man muss wisssen, wie man bestimmte Bewegungsabläufe unterbricht, wenn wir uns dazu gezwungen sehen. Man muss wissen, in welche Richtung man zu gucken hat, während man eine bestimmte Figur durchführt und wie man die Richtung wechselt; man muss wissen, wie man das alles auf sanfte und sichere Weise seiner Tanzpartnerin vermittelt (führt).
Man muss wissen, was tun, damit sie nach hinten oder vorne geht, wie man ochos (Achten) (rückwärts und vorwärts) führt und wie man linksherum und rechtsherum dreht.

Eine der wichtigsten Dinge, die ein Tänzer nie vergessen sollte ist schließlich folgendes: Man muss immer auf die Musik hören, der Musik zuhören!!!!! Macht nicht Schritte über Schritte ohne darauf zu achten, ob das was man führt der Rhythmus des Klaviers ist oder die Melodie der Violine. Der gute Tänzer, wie zu Beginn des Jahrhunderts, ist der, der die Frau mit schönen Schritten zum “leuchten” bringt, und dabei auf die Musik lauscht.
Es spielt keine Rolle, ob es darum geht, ein professioneller Tänzer zu sein oder in der Milonga zu tanzen. Eine Sache ist für beide Stile wichtig: Emotion. Das ist der Unterschied zwischen dem Tango und anderen Rhythmen: die Leidenschaft zwischen dem Paar. Nicht ohne Grund sagt man, der Tango sei eine Romanze, die drei Minuten dauert. Es handelt sich nicht nur um einen behenden, akrobatischen Tanz. Man muss sein Herz mitgeben, es ist eine gegenseitige Gabe. Den Tango zu tanzen ist eine Liebeserklärung….

Raúl Mamone (de El Tangauta)


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